zur Ausstellung "Die Mädchen von Zimmer 28" | November 2008

Shoah – die unvorstellbare Katastrophe

Zwischen 1939 und 1945 wurden in Europa mehr als 6 Millionen Juden durch die Nationalsozialisten getötet. Im Juni 1941 erschoss man die ersten jüdischen Zivilisten beim Einfall der Truppen in der Sowjetunion. Die organisierte Deportation von Juden in Todeslager nach Polen begann Ende 1941. Bis Mai 1945 wurden so 2/3 der Juden Europas ermordet.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe 70 Jahre Reichspogromnacht in Ladenburg wurden in der Stadtbibliothek an fünf Abenden ausgewählte Sequenzen der Filmdokumentation Shoah von Claude Lanzmann gezeigt. Ziel dieser Film- und Vortragsreihe unter der Leitung der Judaistin Melanie Drese war es, die Menschen für die Bedeutung des unsagbaren Verbrechens der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden zu sensibilisieren. Der für uns heute unvorstellbare Zivilisationsbruch muss dauerhaft im kollektiven Gedächtnis bleiben, um Gefahren von Menschenrechtsverletzungen und antidemokratischen Bestrebungen frühzeitig erkennen zu können.

Personen, Orte und Begebenheiten, die im über neunstündigen Film zu sehen sind, wurden mittels kurzer Vorträge von Schülerinnen und Schülern der Oberstufe des Carl-Benz-Gymnasiums in ca. einstündigen Veranstaltungen in den historischen Kontext eingeordnet.

Im Anschluss an die jeweilige Filmvorführung mit Vortrag gab es Gelegenheit, sich in Gespräch und Diskussion über das Gesehene und Gehörte auszutauschen.  Dem Publikum vermittelt und dokumentiert wurden die vorgetragenen Inhalte in Form von Plakaten und digitalen Medienpräsentationen. Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der zentralen Thematik der Judenvernichtung diente der Vortrag der Schülerinnen und Schüler vor einer nicht-schulischen Zuhörerschaft der Übung im freien Sprechen und in der Vortragsgestaltung.

Die fünf Themenschwerpunkte waren:
  • Das Vernichtungslager Chelmno und der „singende Junge“
  • Die Gaskammern von Auschwitz
  • Opfer und Täter Treblinkas
  • Jüdischer Widerstand in Auschwitz
  • Das Warschauer Ghetto
Auszüge aus der Einführung in die Filmreihe von Melanie Drese:

DER FILM  

Der französische Filmemacher und Journalist Claude Lanzmann legte Mitte der 80er Jahre mit Shoah eine der umfassendsten Filmarbeiten über die Vernichtung des europäischen Judentums vor. 12 Jahre Arbeit, 350 h Material, 9,5 h Film gegen das Vergessen. Der Film basiert nicht auf Archivmaterial, sondern auf Zeugenaussagen. Im Mittelpunkt des Monumentalwerkes stehen daher nicht etwa Dokumente der Vergangenheit, sondern die Gegenwärtigkeit des Erinnerns.  Lanzmann besuchte die Todesfabriken Chelmno, Belzec, Treblinka und Auschwitz und fand Plätze vor, die sich bereits ganz und gar verändert hatten. Er lässt in seinem Film Orte, Stimmen und Gesichter sprechen und holt dadurch das Grauen in die Gegenwart. Das Ziel von Lanzmann ist es, die Distanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufzuheben. Die Überlebenden sind Zeugen einer Katastrophe. Ihre Aussagen stellen Grenzerfahrungen dar, weil sie die Grenzen der Wirklichkeit erschüttern und sie in Frage stellen. Lanzmann möchte keinesfalls Erfahrungen dokumentieren oder Fakten an sich präsentieren. Ihm geht es vielmehr darum, die Überlebenden zu zeigen, die uns an das „Mensch-Sein“ der verstorbenen Opfer erinnern sollen. Denn nur so erhalten sie ihre Identität zurück, die ihnen im Konzentrationslager genommen wurde.  Das Ziel dieser Videodokumentation besteht darin, die Zeugen selbst, ihr Sicherinnern und den Vorgang des Mitteilens, nicht aber die Ereignisse als solche zu dokumentieren. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Shoah ein konstruierter Film ist. Dadurch dass der Regisseur mit ganz bestimmten Fragen an seine Zeugen herantritt, ist er bis zu einem Gewissen Grade für die Form des Zeugnisses mitverantwortlich.  Lanzmann geht es in seinem Film nicht darum, die Deutschen anzuklagen. Er möchte ihnen keinesfalls die Möglichkeit zur Rehabilitation geben, da er der Meinung ist, dass die Deutschen selbst einen Weg finden müssen, wie sie mit ihrer Vergangenheit fertig werden.

REZEPTION  

40 Jahre nach Kriegsende erregte der Film Aufsehen, sowie Bewunderung, rief allerdings auch Kritik hervor. In Polen reagierte man mit Protest auf den Film, da er das Fortbestehen von Antisemitismus in Polen in zahlreichen Gesprächen verdeutlicht. Trotzdem zeigte man 1985 einen 90min Zusammenschnitt von Shoah im polnischen Fernsehen. Der Film wurde jedoch in der nachfolgenden Diskussionssendung einstimmig verurteilt.  Auch in Deutschland war die Ausstrahlung umstritten, während sich der WDR dafür einsetzte, wehrte sich insbesondere der Bayrische Rundfunk dagegen.

CLAUDE LANZMANN

Er wurde 1925 in Paris geboren, schloss sich 1943 als Gymnasiast der Resistance an und kämpfte im Untergrund. 1947 erhielt er den Doktorgrad in Philosophie und lehrte 1948/49 an der Freien Universität Berlin. Seit 1952 arbeitet er für eine sehr bekannte französische Zeitschrift, deren Herausgeber er auch heute noch ist. Im Sommer 1973 begann er mit der Arbeit an Shoah, den er 1985 fertigstellte.  Lanzmann bekam zahlreiche Auszeichnungen und Ehrendoktorate verliehen. Zurzeit schreibt er an einem Buch und arbeitet an einem neuen Film.

SHOAH UND HOLOCAUST  

Wir sprechen häufig von Holocaust, wenn es um die Vernichtung der Juden geht. Der Regisseur nannte seinen Film jedoch Shoah. Shoah kommt aus dem Hebräischen und bedeutet „Katastrophe“. Der Begriff ist in Israel sich selbst erklärend, in einem nicht-jüdischen Kontext eher unklar. In Deutschland verwendet man neben Shoah oder Auschwitz auch den Begriff „Holocaust“. Dieser Begriff entstammt der Bibel und kann mit „Brandopfer“ übersetzt werden. Er wird in der Bibel verwendet, um die Opferung Isaaks durch seinen Vater zu beschreiben. Und aufgrund dessen erscheint es manchen Menschen unpassend, eine Parallele zwischen der biblischen Geschichte und dem Massenmord an den europäischen Juden herzustellen. Allerdings gab es bis in die 70er Jahre in Deutschland keinen angemessenen Begriff, der den nationalsozialistischen zynischen Euphemismus „Endlösung der Judenfrage“ angemessen hätte ersetzen können.